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Grenzstein in Mödlareuth Foto: AP |
»Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, laß uns
dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland.«
War das nicht der Ruf der aus der Emigration und den Konzentrationslagern
zurückgekehrten Antifaschisten, der illegalen Kämpfer, der
Kriegshinterbliebenen, der Opfer, aber auch der zur Besinnung gekommenen
Mitläufer? »Deutschland über alles« – inzwischen Alptraum der Geschichte. »Laß
uns dir zum Guten dienen« dagegen ein Versprechen, Deutschland zu einen und zu
bessern. Als das in der DDR zur staatlichen Hymne wurde, war der Traum schon
brüchig geworden zwischen Restauration im Westen und Bruch mit Krieg und
Faschismus im Osten, zwischen Fütterung der alten Eliten dort und Mangel an
allem hier, zwischen zwei Währungen, zwei Systemen, zwei Blöcken, zwei Staaten,
zwei Idealen, zwei Entwürfen für die Zukunft.
Wer sich für die DDR engagierte, tat dies in der Überzeugung, dem Guten in
Deutschland zu dienen, hat der jungen Republik viel von seiner Lebenskraft
gegeben. Bausteine dieser Politik waren Enteignung der Nazi- und
Kriegsverbrecher, Bodenreform und Neulehrer, Arbeiter- und Bauernfakultäten,
Volkseigentum, freie Gewerkschaften, gleiche Rechte für jung und alt, für Frauen
und Männer.
Die DDR brach das Bildungsprivileg. Von der Vorschuleinrichtung bis zum Abschluß
der allgemeinen Schulbildung für die Kinder aller sozialen Schichten gemeinsamer
Unterricht, Erwerb von Wissen und sozialer Kompetenz. Der Staat schuf
Bildungseinrichtungen aller Stufen, förderte die Wissenschaften, subventionierte
Theater und andere Kultureinrichtungen. Er steckte Geld in Arbeitsplätze statt
in Arbeitslosigkeit. Die DDR duldete keinen Neofaschismus und keinen Fremdenhaß.
Die Jugend ging nach der Ausbildung zur Arbeit und nicht zum Arbeitsamt.
Die DDR ließ keine Brücken in Jugoslawien oder Tanklastzüge in Afghanistan
bombardieren. Sie führte nie einen Krieg. So lange sie existierte, ging von ganz
Deutschland kein Krieg aus. Diese Friedensperiode wirkte über ein halbes
Jahrhundert bis zum Jahr 1999. Niemand kann uns, die an diesen Umwälzungen
bewußt mitgewirkt haben, den Stolz darauf nehmen. Ostalgie, als Modewort
genutzt, soll heute Erinnerung und Besinnung auf die Werte der DDR denunzieren.
Die DDR ist in der Zeit des kalten Krieges, im Kampf der Systeme zerbrochen. Der
Traum vom sich entwickelnden Sozialismus zerschellte auch an zu geringer
Arbeitsproduktivität, an unterentwickelter Demokratie und beschränkter
Möglichkeit zur Selbstbehauptung des Einzelnen in der Gesellschaft. Die
Wirklichkeit entfernte sich vom Ideal mehr, als viele Bürger hinnehmen wollten.
Vertrauensverlust verhinderte die Prüfung der Alternative »Für unser Land«.
Unsere Mitschuld an dieser Niederlage haben wir zu tragen.
Die DDR starb in den Werbesendungen von Politik und Medien aus dem Westen.
Gorbatschows Politik gab ihr zusätzlich den Todesstoß. Mit der Einverleibung der
DDR glitt Helmut Kohl vor 20 Jahren auf den Einheitsthron; die DDR allerdings
nicht in die von ihm versprochenen blühenden Landschaften.
Dafür sorgten in erster Linie die durch die Treuhand umgesetzten
Profitinteressen des Kapitals, durch Deindustrialisierung der Wirtschaft,
Vernichtung großer Teile der Landwirtschaft und Abwicklung wissenschaftlicher
Institutionen, Forscher und Gelehrter.
Seit die DDR als soziales Korrektiv ausfiel, steigt die soziale Kälte in der
Bundesrepublik. Unbehelligt von staatlicher Politik reißen globalisierte
Ausbeutung und skrupellose Finanzspekulation, Kriegs- und Umweltschäden und die
daraus resultierenden Staatsschulden die heutige vor und künftige Generationen
in den Abgrund. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer unerträglicher.
Klientelparteien veruntreuen die Kassen des Gemeinwohls. Aber der Widerstand
wächst. Soziales Interesse aus fast allen Spektren der Gesellschaft drängt die
bürgerlichen Parteien zur Diskussion über die gröbsten Auswüchse ihrer Politik.
Würden diese nur so energisch geführt wie die Entwertung von DDR-Biographien
samt der pauschalen Hatz gegen Mitarbeiter von Sicherheitsorganen der DDR, mit
denen Dampf aus der eignen Problemküche umgeleitet wird.
Bundeskanzlerin Merkel verkündete am 9. November 2009, man könne keinen
Schlußstrich unter die DDR-Geschichte setzen. Nichts dürfe vergessen werden.
Dem stimmen wir ausdrücklich zu. Aber: Denunziation und Dämonisierung der DDR
sind keine Aufarbeitung ihrer Geschichte. Sie verdecken vielmehr die
zukunftsrelevanten Lehren der Nachkriegsentwicklung beider deutscher Staaten.
Sie sollen vergessen machen, daß der kalte Krieg auch in der alten
Bundesrepublik seine Opfer forderte. Wir haben das Verbot der KPD und anderer
demokratischer Organisationen sowie die berufliche Ausgrenzung ihrer Mitglieder
nicht vergessen.
Es ist an der Zeit, die Lebensleistung von DDR- und Altbundesbürgern in gleicher
Weise zu respektieren. Das heißt auch: gleicher Lohn für gleiche Arbeit,
Rentenangleichung zwischen Ost und West, Abschaffung aller Strafrenten,
Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen.
Im Jahre 20 einer größer gewordenen Bundesrepublik sind die Blicke nüchterner
geworden. Die DDR taugt nicht als Aschenputtel deutscher Geschichte. Ihre Werte
sind lebendiger als ihr Zerrbild vorgibt. Umbesinnung auf ihre tatsächliche
geschichtliche Bewertung wäre ein Weg zur gelebten Einheit. Und der Zukunft
zugewandt.
Unterzeichnet von:
Repräsentanten der DDR
R. Berthold, Botsch. a.D.; Dr. K. Blessing Staatssekr.; F. Bochow, Botsch. a.D.;
Prof. Dr. habil. E. Buchholz, Dekan HUB; H. Bühl, Sekretär FDGB; J. Chemnitzer,
1.Sekr. BL. SED; Prof. Dr. G. Dieckmann, Rektor Parteihochschule SED; H. Eichler,
Sekr. Staatsrat; Prof. Dr. sc. H-H. Emons, Vizepräs. Akad. Wiss.G.; G. Erbach
Staatssekr.; M. Flegel, Stellv. Vors. Min. Rat; Stellv. Vors NDPD; Prof. G.
Fischer, Mitgl. Präs. Hauptvorst. CDU; O. Fischer, Außenminister; Roswitha
Garling, Meisterin VEB Fernsehelektronik; Der Generalstaatsanwalt H. Bauer; K.H.
Bösel; K.-H. Borchert; E. Gierke; Dr. H. Harrland; Dr. H.-J. Joseph; G. Seidel;
Prof. Dr. M. Gerlach, Vors. Staatsrat; Vors. LDPD; W. Grossmann, Stellv. Min.;
W. Heilemann, Mitgl. Präsidium Volkskammer; L. Helmschrott, Mitgl. Staatsrat;
Dr. H.-J. Heusinger, Stellv. Vors. Min. Rat; Dr. F. Hilbert, Stellv. Min.; Prof.
H. Hörz, Vizepräs. Akad. d. Wiss.; H. Hinz, Sekr. BL SED; Prof. Dr. Helga Hörz,
Mitgl. UNO-Komm. »Status der Frau«; Th. Hoffmann, Admiral a.D., Min. Nat.
Verteidigung; W. Herzig, ehem. OB Magdeburg; Prof. Dr. sc. D. Joseph, HUB; H.
Kessler, Armeegeneral a.D., Min. Nat. Verteidigung; K. Köste, Olympiasieger
Turnen; Prof. Dr. Kolditz; W. Konrad, LPG-Vorsitzender Hausneindorf; W. Konschel,
Botsch. a.D.; Prof. Dr. sc. H. Kreibich, Präs. Gesellsch. f. Hygiene; E. Krenz,
Vors. Staatsrat, Generalsekr. SED; E. Lange, Vors. LPG Hohenzieritz; H. Langer,
Botsch. a.D.; Dr. W. Leupold, Staatssekr.; Prof. Dr. E. Lieberam; Elke Lieberam;
S. Lorenz, Mitgl. PB SED; Dr. G. Maleuda, Volkskammerpräs. Vors. DBD; W. Mäder,
Hauptvorst. CDU; Prof. Dr. med. M. Mebel; Prof. Dr. Sonja Mebel; Prof. Dr. S.
Mechler, Wirtschaftswiss.; Dr. J. Mitdank, Botschafter a. D; Dr. H. Modrow,
Ministerpräsident, Ehrenvorsitzender PDS; H. Nestler, Handelsrat; Erich Postler,
Sekr. BL. SED; Prof. Dr. Putensen, Nordeuropawissenschaftler; Dr. H. Reichelt,
Stellv. Vors. Min. Rat; Prof. Dr. Röder, Vize. Präs. DTSB; W. Rudelt, Senatsvors.
Arbeitsrecht Oberstes Gericht; Dr. G. Sarge, Präs. Oberstes Gericht; Prof. Dr.
G. Schirmer, Stellv. Min.; G.-A. Schur, mehrfacher Weltm. Straßenradsp. u.
Friedensfahrtsieger; Dr. W. Schwanitz, Ltr. Amt Nat. Sicherheit; H. Semmelmann,
Abtl. ZK SED; Gisela Steineckert; Dr. K. Steiniger Auslandskorrespondent ND; A.
Spengler, Dir. VEG Memleben; F. Streletz, Gen. Oberst a.D., Stellv. Min.; Dr. H.
Watzek, Min. i. Reg. Modrow; Prof. Dr. Wekwerth, Regisseur; Dr. H. Weitz,
Stellv.Vors. Min. Rat; Dr. R. Wernicke, Ltr. vet. hyg. Überw. Dienst.; D.
Winderlich, Chefinsp. a.D., Chef DVP; R. Wötzel, 1. Sekr. BL SED; Heidi Zeidler,
Agraringenieurin.
Mit der Wortmeldung solidarisieren sich und unterstützen sie:
Meta Bühl; Prof. K.-H. Bernhardt; Dr. sc. Hannelore Bernhardt; Prof. Dr. E.
Bienert; Gerd Buddin; Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung
(GRH) e.V.; M. Hegner; Dr. Gisela Hering; Eleonore Heyer; H. Hörnig; H. Jäkel;
Dr. Ursula Joseph; Dr. H. Kaiser; K. Kalauch; Dr. Kat P. Leiterer; Dr. W.
Löffler; Annelies Kimmel; D. Lemke; Prof. Dr. Prokop; Dr. Anita Rausch; Dr. E.
Reddig; E. Rehling; Prof. Dr. sc. W. Richter; Renate Richter; E. Richter; Prof.
Dr. H. Schneider (Berlin); A. Schütz; K. Schulz; Solidaritätskomitee für die
Opfer der politischen Verfolgung in Deutschland; Prof. Dr. G. Tietze; Prof. Dr.
I. Wagner und viele mehr.