Der ehemalige Pfarrer Joachim Gauck, den SPD und Grüne für das Amt
des Bundespräsidenten nominiert haben, kommt wie Sie aus Rostock. Sie kennen
ihn aus der Zeit vor 1989. Sie waren zuletzt im Range eines Oberst der lokale
Chef des Ministeriums für Staatssicherheit, MfS. Hatten Sie persönlichen
Kontakt zu Gauck?
Ich erinnere mich an eine Begegnung, das war nach der Auflösung 1990 in einem Gebäude, das von Bürgerrechtlern genutzt wurde. Er sagt u.a. zu mir: Herr Amthor, Sie haben Ihr ganzes Leben lang die Schuld abzutragen, die Sie auf sich geladen haben. Und auch Ihre Enkel werden davon betroffen sein.
Hat er das mit der »Schuld« begründet?
Er meinte wohl, daß wir als verantwortliche Mitarbeiter des MfS nicht für, sondern gegen die Menschen gearbeitet sowie Christen verfolgt hätten. Seine Grundeinstellung war gegen alles gerichtet, was mit der DDR zu tun hatte.
Aber solche Vorwürfe werden ja heute von vielen geäußert …
Die sind heute genau so falsch, wie sie es damals schon waren. Wir haben ausschließlich auf Basis der DDR-Gesetze gehandelt. Die und nichts anderes waren unsere Grundlage für Ermittlungsverfahren und sämliche damit zusammenhängende Untersuchungen.
Gauck war schon Anfang der 80er Jahre ins Blickfeld des MfS geraten.
Warum?
Er wurde überwacht, verantwortlich dafür war die Kreisdienststelle Rostock, die am 24. März 1983 über ihn einen »operativen Vorgang« unter dem Decknamen »Larve« angelegt hatte. Gauck hatte immer wieder öffentlich so feindselig über die DDR hergezogen, daß gegen ihn wegen des Verdachts der staatsfeindlichen Hetze (Paragraph 106 Strafgesetzbuch) und der staatsfeindlichen Gruppenbildung (Paragraph 107 Strafgesetzbuch) ermittelt wurde. Später gab es auch persönliche Kontakte Gaucks mit Mitarbeitern der Staatssicherheit.
Stimmt es, daß das MfS Gauck Vergünstigungen gewährt hat?
Das ist richtig, das war von uns als Vorleistung, als vertrauensbildende Maßnahme gedacht, um ihn auf eine Werbung als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) vorzubereiten. Er kam in den Genuß zahlreicher Sondererlaubnisse, die kaum einem anderen DDR-Bürger gewährt wurden. Z.B. durften seine Söhne in die BRD übersiedeln, sie konnten auch jederzeit zu Besuchen wieder in die DDR einreisen. Aus Anlaß dieser Übersiedlung durfte Gauck per Sondergenehmigung sogar mit in den Westen fahren. Ferner kamen wir seinem Wunsch nach, für seine privaten Zwecke den Import eines VW-Transporters zu ermöglichen.
Die Werbung als IM ist aber offenbar schiefgelaufen …
Das stimmt, es war ein grober Fehler unserer Dienststelle, anzunehmen, Gauck könnte geworben werden. Er ist immer ein erbitterter Gegner des Sozialismus geblieben – eine Zusammenarbeit schied daher für uns aus.
Hat Gauck früher eine andere politische Motivation erkennen lassen
als den Haß auf das MfS?
Ich will es mal so sagen – in den Gruppen, mit denen er Kontakt hatte, hat er sich durchaus für Soziales, Friedenspolitik und Umweltprobleme eingesetzt. Der Haß auf das MfS hatte aber eindeutig den Vorrang.
Das MfS hat über Gauck eine Akte geführt. Was ist aus der geworden?
Als Gauck schon Bundestagsabgeordneter war, hat er die Gelegenheit genutzt, in unserer ehemaligen Dienststelle mehrere Stunden lang unbeobachtet seine Akte einzusehen. Das ist nachgewiesen, auch wenn Gauck gerichtlich versucht hat, dem Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel eine entsprechende Äußerung untersagen zu lassen. Gauck ging es wohl darum, sich zu vergewissern, daß keine belastenden Tatsachen in der Akte stehen.
Sie haben sich früher schon intensiv mit Gauck befaßt – können Sie
sich ihn als Bundespräsidenten vorstellen?
Es wäre ein großer Fehler für diese Republik, wenn er gewählt würde. Ich habe Gauck als wandelbaren Menschen in Erinnerung, als jemanden, der sich sehr gut verstellen kann – so haben wir ihn nämlich erlebt. Einerseits gibt er sich freundlich – andererseits kann er gehässig, rücksichtslos und hundsgemein sein. Er würde das Amt des Bundespräsidenten schonungslos und hemdsärmelig ausnutzen, um alles auszuräumen, was ihm nicht gefällt.