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Ein Leitartikler der Zeitung "Welt am Sonntag" [Welt am Sonntag,
Leitartikel vom 10. Juli 2004.] fand es zweckdienlich, meinen Namen
in einem Atemzug mit denen von Göring und Eichmann zu nennen. Ich
brauchte nicht einmal zu spekulieren: Will er mich als DDR-Politiker
besonders wölfisch darstellen oder die Herren Massenmörder
verharmlosen? Das Gleichnis entspricht nämlich einer grotesken
Geisteshaltung in dem Land, im dem wir seit 1990 leben. Es handelt
sich ja um nichts Neues, sondern um eine personifizierte Variante
der absurden Formel von den "zwei deutschen Diktaturen", bei der die
DDR nicht nur mit dem Nazireich verglichen, sondern im Kontext oft
auch gleichgesetzt wird. Was für eine Verharmlosung der Verbrechen
an Millionen Opfern der Nazidiktatur!
Alles Negative wird der DDR angelastet
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Egon Krenz, geboren 1937, war
1989 Generalsekretär des ZK der SED und
Staatsratsvorsitzender der DDR.
Nach der Annektierung der DDR wurde Egon Krenz von einem
BRD-Gericht zu 6,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt; 2003
wurde er aus der Haft entlassen. |
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Vor knapp 10 Jahren stand ich einem Staatsanwalt gegenüber, der bis
1989 in der Altbundesrepublik für die Verfolgung der Richter und
Staatsanwälte am Volksgerichtshof des Herrn Freisler zuständig war.
Sein "Verdienst" besteht darin, daß nicht ein einziger Richter oder
Staatsanwalt dieses faschistischen Gerichtshofes rechtskräftig
verurteilt wurde. Erst als es gegen Antifaschisten der DDR ging,
erwachte seine Verfolgungsenergie. Während er in seinem
Schlußvortrag 11 1/2 Jahre Haft für mich beantragte, mokierte er
sich zugleich darüber, daß ich das Wort "Faschismus gebrauchte", wo
es nach seiner Ideologie "Nationalsozialismus" heißen müßte.
"Faschismus", so belehrte er mich, habe es in Deutschland nicht
gegeben. Der habe nur in Italien geherrscht. Er unterstellte dreist,
ich wolle wohl mit dem Gebrauch des Wortes "Faschismus die
Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlosen". "... und das
offenbar zur Vermeidung des Gebrauchs der Bezeichnung
‚Nationalsozialismus', was unliebsame Assoziationen mit dem
Realsozialismus [Das Wort "Realsozialismus" wurde in der DDR so
nicht verwendet. Korrekt hieß es "Real existierender Sozialismus".
Die Wortschöpfung "Realsozialismus" entstand in der Bundesrepublik
offensichtlich, weil "Realsozialismus" und "Nationalsozialismus"
sich wohl im Wortklang ähneln und dadurch beabsichtigte
Assoziationen hergestellt werden sollen.] in der DDR hervorrufen
könnte." [Plädoyer der Staatsanwaltschaft, gehalten am 28. und 31.
Juli 1997. vor dem Landgericht Berlin.]
Offensichtlich wird in bestimmten Kreisen der Bundesrepublik der
Terminus "Nationalsozialismus" auch deshalb gepflegt, um in verbaler
Gleichsetzung den Begriff Sozialismus zu diskreditieren. Erst jüngst
schlug ein Senator der Berliner Regierungskoalition in die gleiche
Kerbe. Er setzte die GRH, eine Organisation, in der auch Menschen
organisiert sind, die entweder Familienangehörige in Hitlers
Konzentrationslagern verloren haben oder selbst vom Naziregime
verfolgt wurden, mit den "Freundschaftsverbänden der Waffen-SS"
gleich. Wer entschuldigend meinen sollte, es wären ja nur
Journalisten, Juristen und Provinzpolitiker, die sich so extrem
äußern, der wurde jüngst bei der Veranstaltung "Gedächtnis
Buchenwald" in Weimar von einem Ministerialrat, einem hohen Beamten
der Bundesregierung also, eines Besseren belehrt. Der Herr
Professor, angeblich sogar Historiker, "vergaß" ganz nebenbei die
Opfer des KZ Buchenwald, die vor ihm im Saal in der ersten Reihe
saßen, und widmete sich dafür lieber den "Opfern von Flucht und
Vertreibung" und der Erinnerung "an die Opfer des SED-Regimes".
[Vergleiche Neues Deutschland vom 30. August 2006, S. 2.] Makaber!
Für mich ist das nicht nur falsches Geschichtsbewußtsein oder
"Erinnerungstäuschung". Ich empfinde es als Volksverhetzung.
In der DDR jedenfalls wußte schon jedes Kind, daß der
"Nationalsozialismus" weder national noch sozialistisch war und daß
sich die Kämpfer gegen ihn weltweit als Antifaschisten verstanden.
So widerlich es auch ist, Naziverbrecher, die Krieg und Völkermord
zu verantworten haben, und Kommunisten, die bekanntlich zu den
ersten Opfern der faschistischen Diktatur gehörten, in eine Reihe zu
stellen, so wenig erstaunt mich diese Art
"Vergangenheitsaufarbeitung". Sie ist Ausdruck eines
militant-primitiven Antikommunismus, der in der Bundesrepublik
Staatsdoktrin ist. Das hat Tradition.
Seit es Kommunisten gibt, haben sich die alten Mächte zu einer
"heiligen Hetzjagd" gegen das "Gespenst des Kommunismus" [Manifest
der Kommunistischen Partei. Dietz Verlag Berlin, 1959, S. 461.]
verbündet, wie es schon Marx und Engels wußten. Seither gehören
Schmähung und Verfolgung von Kommunisten zum politischen Geschäft
von bürgerlichen Parteien, ihren Medien, ihren Historikern sowie
ihren Richtern und Staatsanwälten. Einer der Väter der
revolutionären deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht, hat
diese Erfahrung schon 1872 im Kaiserreich formuliert: "Wir sind
Sozialisten, gut! Kommunisten, gut! Sind wir darum moralische
Monstra ...? Freilich hat man uns als solche Monstra hingestellt ...
Wir verlangen, daß man uns beurteile nach dem, was wir getan haben
und was wir sind, nicht nach dem, was blinde Furcht und blinde Wut
uns angedichtet, uns angelogen haben". [Der Leipziger
Hochverratsprozeß vom Jahre 1872. Berlin, 1960, S. 350.]
Seit Konrad Adenauer 1949 in seiner ersten Regierungserklärung den
Anspruch der alten Bundesrepublik erhob, für ganz Deutschland zu
sprechen, wurde die DDR vom anderen deutschen Staat nicht nur
ausgegrenzt, sondern zum politischen Monster erklärt.
Im Prinzip hat sich das bis heute nicht geändert. Mit einer
Ausnahme: War die DDR für die Regierenden in der BRD bis 1989 das
"Sprachrohr Moskaus", die "Marionette des Kreml" oder einfach die
"Sowjetzone", die nur "Moskaus Befehlsempfänger" gewesen sein soll,
so wurde sie im Nachhinein zum Gegenteil gemacht: Alle Härten und
negativen Begleiterscheinungen des Kalten Krieges werden nun der DDR
angelastet. Das wird für das Ziel gebraucht, den sozialistischen
Gedanken ein für allemal auszurotten und die zunehmenden Gebrechen
der kapitalistischen Gesellschaft als Folge "kommunistischer
Herrschaft" zu verbrämen. Alles hat eben seine Funktion! Nachdem der
Deutsche Bundestag Anfang der neunziger Jahre in seinem
Enquete-Bericht über die DDR das Ziel verordnete, "Nie wieder
Sozialismus", sind der Umgang mit der DDR sowie die Diskriminierung
und Demütigung vieler ihrer Bürger nur diesem Ziel untergeordnet.
Wen wundert's? Beurteilt werden die DDR und ihre Bürger nicht nach
dem, was sie geschichtlich geleistet haben. Nicht danach, daß die
DDR ein Friedensfaktor im Zentrum Europas war. Auch nicht danach,
daß sie ihren Bürgern garantierte, was es zuvor in Deutschland noch
nie gegeben hatte und was in der heutigen Gesellschaft von vielen
vermißt wird: Arbeit für alle, soziale Sicherheit, enorme
Fortschritte bei der Emanzipation der Frau, Kinder- und
Familienfreundlichkeit, Fördern und Fordern der Jugend, ein modernes
Gesundheits- und effektives Bildungssystem ...
Ein Gegenentwurf zur bisherigen deutschen Geschichte
Erst recht bleibt unberücksichtigt - und das ist das Entscheidende,
das Weltgeschichtliche an der DDR - daß sie ein Gegenentwurf zur
bisherigen deutschen Geschichte war und damit auch eine legitime
Antwort auf die Restaurationsversuche in der alten Bundesrepublik.
Freilich, noch mit vielen Unvollkommenheiten, mit folgenschweren
Fehleinschätzungen, politischen Dummheiten und leider auch
vermeidbaren Ungerechtigkeiten, die aufrichtige Sozialisten und
Kommunisten mehr als nur bedauern. Was aber Kommunisten,
Sozialdemokraten und ihre Verbündeten aus dem Bürgertum nach zwei
Weltkriegen, die vom kapitalistischen Deutschland ausgegangen waren,
unter enorm schweren Bedingungen gewagt hatten, war geschichtlich
etwas völlig Neues, noch nie Dagewesenes in Deutschland. Es gab
Gegner dieses historischen Prozesses, das ist wohl wahr: Wirkliche
und vermeintliche. Es gab Mitläufer, Unzufriedene und auch eine
Menge Karrieristen - wie sich zeigt, bis ins Politbüro hinein. Es
gab aber auch - und das wird heute kaum noch erwähnt - Millionen
Bürger, denen die DDR Herzenssache war und die sich für ihren Staat
ein Leben lang engagierten. Sie leiden heute darunter, daß und wie
ihr Staat abgewickelt wurde. Wenn die DDR auf Begriffe wie
SED-Staat, SED-Diktatur, MfS-Staat [Ich gebrauche den Begriff STASI
nicht. Er wird offiziell verwendet, als wäre STASI eine
Steigerungsform von GESTAPO. Als ideologischer Kampfbegriff dient er
zugleich dazu, Biografien unzähliger DDR-Bürger zu beschädigen. Die
Staatssicherheit der DDR hieß korrekt: Ministerium für
Staatssicherheit, in der Abkürzung MfS, war wie 40 andere
Ministerien und Ämter auch ein Organ der Regierung der DDR und
unterstand als solches dem Vorsitzenden des Ministerrates und in
Grundsatzfragen zugleich dem Vorsitzenden des Nationalen
Verteidigungsrates der DDR. Es arbeitete auf der Grundlage der
Verfassung der DDR.] und ähnliche reduziert wird, dann ist dies
nicht nur falsch und fragwürdig. Es zeugt vor allem von fehlendem
Respekt vor den Menschen, die gern in der DDR gelebt und gearbeitet
haben, denen die DDR ihre Heimat war.
Die Zeitung "junge Welt" veröffentlichte kürzlich das Protokoll
einer Gewerkschaftsversammlung am BE vom Juni 1953. Bertolt Brecht
äußerte sich auf dieser Versammlung unter dem Eindruck seiner
unmittelbaren Erlebnisse am 17. Juni 1953 auf Berlins Straßen: "Der
Westen kritisiert ja nicht die Fehler, die hier wirklich gemacht
wurden, sondern kritisiert die Vorzüge dieses Staates. Diese Herren
stört die Veränderung der Eigentumsverhältnisse an
Produktionsmitteln. Für sie herrscht hier zuviel Sozialismus, wo wir
gerade davon reden, daß zu wenig Sozialismus herrscht." [Nach dem
stenographischen Protokoll der Gewerkschaftsversammlung am Berliner
Ensemble vom 24. 5. 1953.] Genau das ist der Punkt noch heute. Die
Herrschenden werden der DDR nie verzeihen, daß sie dem Kapital und
dem privaten Großgrundbesitz im Osten Deutschlands für 40 Jahre die
Macht nahm. Sie kritisieren uns ja auch nicht wirklich wegen unserer
Fehler. Die sind ihnen willkommen, um uns diskreditieren und
demütigen zu können. Ihnen ist zuwider, daß es die DDR überhaupt
gegeben hat. Aus ihren politischen Interessen heraus, von ihrem
Klassenstandpunkt her, ist das durchaus verständlich.
Während Antikommunisten den Untergang der DDR mit dem Versagen der
sozialistischen Idee gleichsetzen, behalten überzeugte Kommunisten
und Sozialisten das sozialistische Ideal vor Augen. Sie lassen nicht
zu, daß diese großartige Idee in Zusammenhänge gebracht wird, in die
sie nicht gehört. Überrascht hat mich daher beispielsweise die
Fragestellung im "Neuen Deutschland" [Siehe "Es kommt auf die
Definition an", Neues Deutschland, 4. August 2006, S. 14.], ob es
eine Linie gebe, von Lenin über Stalin, Mao, Ulbricht und Pol Pot.
Na, das wär's dann: Pol Pots Verbrechen unter einem Dach mit
Ulbrichts Wirken für die DDR! Wie viel Erfahrungen der
Weltgeschichte, Erfahrungen von Revolutionen und Konterevolutionen,
von Kriegen und Bürgerkriegen, von zwei Weltkriegen im 20.
Jahrhundert und vom frühen Sozialismus in der DDR werden mit einer
solchen Fragestellung ignoriert? Man kann in der Wissenschaft sicher
viel miteinander vergleichen. Es muß aber vergleichbar sein. Obige
Fragestellung halte ich für eine willkürliche Konstruktion, die wohl
eher der Totalitarismuskonzeption als einem diskutablen Umgang von
Linken mit der Geschichte des Sozialismus entspricht. Wer, wie ich,
in Kampuchea die Folgen des Pol-Pot-Regimes mit eigenen Augen
gesehen hat, findet angesichts der dortigen Grausamkeiten keine
Worte darüber, daß Ulbricht und damit natürlich auch die DDR in
solche Zusammenhänge gesetzt werden.
Wer Sozialismus will, kommt an den DDR-Erfahrungen nicht vorbei
Wenn ich höre oder lese, daß auch einige Funktionsträger der PDS
meinen, die DDR sei zu Recht untergegangen, dann frage ich mich
schon, wie das mit dem einst formulierten Ziel übereinstimmen soll,
aus der Geschichte der DDR zu lernen, wie der Sozialismus der
Zukunft sein könnte. Wer nur die Defizite der DDR summiert, landet
bei grundsätzlichen Fehlschlüssen. Wer wirklich Sozialismus will,
kommt an den Erfahrungen der DDR nicht vorbei - weder an den
schmerzlich-negativen und erst recht nicht an den Werten und
Vorzügen der DDR. Es sei denn, er ist der Meinung, die DDR sei ein
Irrweg in der deutschen Geschichte gewesen. Das aber wäre weit mehr
als nur historischer Hochmut. Kürzlich las ich von Gregor Gysi: "Wer
sich heute demokratischer Sozialist nennt, darf nie vergessen: Mit
der DDR ist etwas untergegangen, das die Menschen trotz sozialer und
kultureller Leistungen nicht wollten. Punkt." [Superillu, Nr.
19/2006.] Einst hat sich Gregor gegen solche Falsch- und
Bevormundungsurteile gewehrt. Und das zu Recht. Ich kenne auch
Äußerungen von ihm, die genau das Gegenteil aussagen! Als
demokratischer Sozialist frage ich doch zuerst: Was ist
bewahrenswert an der DDR? Und ich stelle in diesem Zusammenhang
selbstverständlich auch die Frage: Was ist auf keinen Fall
bewahrenswert?
Man sollte sich doch genau an die Situation im Herbst 89 erinnern.
Sowohl bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig als auch auf dem
Berliner Alexanderplatz überwogen Forderungen nach einer "Erneuerung
des Sozialismus" und nach einer "reformierten DDR", was immer das
auch konkret bedeuteten sollte. Erst als nach dem 9. November 1989
Reichskriegsflaggen in Leipzig auftauchten, die nachweislich
Westimport waren, wurde aus der Losung: "Wir sind das Volk" der
hineingetragene Slogan "Wir sind ein Volk". Sehr unterschiedliche
politische Kräfte der DDR haben darauf in dem Aufruf "Für unser
Land" die Alternative genannt: Entweder können wir auf der
"Eigenständigkeit der DDR bestehen" oder " ... wir müssen dulden,
... daß die Deutsche Demokratische Republik durch die Bundesrepublik
vereinnahmt wird." [Aufruf "Für unser Land", Neues Deutschland vom
29. November 1989.] Sie antworteten: "Noch haben wir eine Chance, in
gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine
sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln ...".
[Ebenda] Sehr viele Menschen - ich erinnere mich nicht mehr an die
genaue Zahl - sprachen sich mit ihrer Unterschrift für diese
Alternative aus. Ob das immer ehrlich war oder manche der
Erstunterzeichner diese Position auch nur bezogen, um ihre wahren
Absichten zu verbergen, muß jeder mit sich selbst ausmachen. Daß
aber die Chance zur sozialistischen Alternative zur Bundesrepublik
vertan wurde, hat ein Ensemble von Ursachen: Objektive und
subjektive, historische und zeitgeschichtliche, nationale und
internationale, ökonomische und ideologische, moralische und
theoretische, vermeidbare und unvermeidbare, hausgemachte und von
der DDR nicht beeinflußbare; kurz: Weit mehr als in der Behauptung
Gysis zum Ausdruck kommt, demokratische Sozialisten müßten wissen,
daß mit der DDR etwas untergegangen sei, das die Menschen nicht
wollten. Und: Wenn sie sich anders als Gysi erinnern, können sie
dann keine demokratischen Sozialisten sein?
Gregor Gysi meint, daß "die ganze DDR kleinbürgerlich strukturiert
war". [Superillu] Was sind nach seiner Meinung kleinbürgerliche
DDR-Strukturen? Die Struktur der Eigentumsverhältnisse, der
Volkswirtschaft, des Bildungswesens, des Gesundheitswesens, die
Bevölkerungsstruktur, die Justizstrukturen ...?
Zweifelsohne gab es kleinbürgerliches Bewußtsein und Verhalten;
leider bis weit in die SED hinein. Ich leite aber eine politische
Haltung von Menschen nicht in erster Linie von deren
Wohnzimmereinrichtung oder deren ästhetischem Geschmack ab, sondern
von gesellschaftlichen Klassen und Gruppen, ihren Interessen und
ihren Beziehungen zueinander. Vielen, die heute arbeitslos sind,
wird schmerzlich bewußt, daß ihnen der volkseigene Betrieb oder ihre
Genossenschaft abhanden gekommen sind. Sie denken dabei wohl nicht
so sehr an "kleinbürgerliche Strukturen", sondern mehr an den
sicheren Arbeitsplatz und an reale Mitbestimmungsmöglichkeiten, die
sie aus DDR-Zeiten kennen. Ich finde Bezeichnungen wie
"Staatssozialismus", "Staatsparteisozialismus" und "Staatspartei"
ohnehin abwegig, um faßbar sagen zu können, was die DDR und die SED
waren. Es sind Kategorien, die einer sozialwissenschaftlichen
Analyse nach marxschen Kriterien nicht standhalten. Für mich sind es
bürgerliche Kampfbegriffe!
Die Ursachen für den Untergang der DDR sind doch nur zu einem Teil
hausgemacht. Dieser Gedanke soll keineswegs eine Entschuldigung für
das Versagen des Politbüros sein, dem ich angehörte. Untergegangen
ist bekanntlich nicht nur die DDR, sondern ein Weltsystem, das vom
Stillen Ozean bis an die Elbe reichte. Eine solche weltweite und
epochale Entwicklung mit einem basta-ähnlichen "Punkt" abzutun,
bleibt für mich einfach unverständlich und spricht eher für
kleinbürgerliches Denken als für eine wissenschaftliche Analyse. Und
was heißt die Menschen? Heute gibt es wohl so viele Meinungen über
die DDR wie es einst Bürger gab. Das hängt zweifellos mit ihren sehr
unterschiedlichen Erfahrungen zusammen. Da ist es schon interessant,
auf sozialwissenschaftliche Forschungen zurückzugreifen. Nicht
unbedingt auf kurzfristige Gutachten und Umfragen, die mit
durchschaubarer Zielrichtung gerade vor Wahlen von Parteien bestellt
werden. Der verdienstvolle Jugendforscher Prof. Peter Förster vom
einstigen Jugendforschungsinstitut aus Leipzig hat seit 1987 an
einer repräsentativen Längsschnittstudie gearbeitet. Er hat damals
angefangen, junge Leute, die 1973 geboren wurden, über ihre
politischen und weltanschaulichen Positionen zu befragen. 19mal
wurden inzwischen dieselben Personen befragt. Das Besondere besteht
darin, daß die Studie den Weg von DDR-Bürgern zu Bundesbürgern
begleitet hat und Auskunft gibt, was in ihren Köpfen, in ihrem
politischen Bewußtsein vor sich gegangen ist.
Bei aller Differenziertheit hat die Mehrheit der heute 34jährigen
Befragten ihre Verbundenheit mit der DDR nicht aufgegeben. Politisch
eng verbunden mit der Bundesrepublik fühlt sich nur eine Minderheit.
Die Befragten meinen mehrheitlich, daß es in der DDR auf folgenden
Gebieten besser als heute war: Soziale Sicherheit, Verhältnis der
Menschen untereinander, Förderung der Familie, Betreuung der Kinder,
Schulbildung, Schutz gegenüber Kriminalität, soziale Gerechtigkeit,
Gleichberechtigung der Frau und das Gesundheitswesen. Dies gewinnt
noch an Gewicht, wenn viele Menschen - vor allem die Ärmsten der
Armen - in der Gegenwart faktisch täglich das Gegenteil davon
erleben und dies noch dazu als das Nonplusultra sozialer Politik
angepriesen wird. [Siehe: Längsschnittstudie 1987-2005,
Forschungsleiter und Verfasser: Prof. Peter Förster, Leipzig, April
2005.]
Europa 40 Jahre ohne Krieg
In jüngster Zeit werden von regierungsnahen Einrichtungen
Forderungen laut, die DDR-Geschichte im Unterricht zu behandeln.
Doch welche? Die, die die DDR auf einen "Unrechtsstaat" reduziert
oder diejenige, die die DDR in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, in
ihren Erfolgen und Niederlagen, ihren Vorzügen und Defiziten, ihren
Werten, Idealen und Realitäten zeigt? Die Empfehlungen der
Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes
"Aufarbeitung der SED-Diktatur" machen deutlich, daß die
antikommunistische Sicht auf die DDR verfestigt werden soll. Umso
dringender ist es, daß linke Kritiker der DDR sich diesen Positionen
widersetzen.
Es mag ja eine parteiinterne Angelegenheit sein, wenn Bodo Ramelow
meint: "Wer die Haltung vertritt, auch die Bundesrepublik
Deutschland sei schuld an Mauerbau, Stacheldraht und Schießbefehl,
muß bei uns mit scharfem Widerspruch rechnen." [Bodo Ramelow,
Märkische Oderzeitung, 9. 8. 2006] Als PDS-Wähler frage ich mich
dennoch: Wieso eigentlich soll Leuten widersprochen werden, die
weiter nichts tun, als geschichtliche Tatsachen zu benennen? Man muß
die Grenzsicherungsanlagen, die von der Ostsee bis zum Schwarzen
Meer quer durch Europa gingen, ja nicht schönreden. Das tue ich als
einer der Verantwortungsträger der DDR auch nicht. Als Kommunist
bedauere ich alles, wo Menschen zu Schaden kommen. Wer aber so tut,
als habe die DDR-Führung pausenlos nur darüber nachgedacht, ihre
Bürger einzusperren oder ihnen sonstwie zu schaden, geht an den
Realitäten vorbei. Auch wir haben Politik nicht unter
Treibhausbedingungen machen können. Es waren die Gesetze der
Systemkonfrontation, die solche Grenzsicherungen hervorgebracht
haben. Ich weiß, daß es auch unter Linken Publizisten gibt, die den
Verweis auf die Systemauseinandersetzung bis 1989 als dogmatisches
"Lagerdenken" bezeichnen. "Lagerdenken" war kein Einfall des
SED-Politbüros, sondern gedanklicher Ausdruck der tatsächlich
herrschenden Verhältnisse. Es existierte auf beiden Seiten. Und es
besteht ja in der Beurteilung der DDR bei nicht wenigen Politikern
bis heute.
Kompetente Zeitzeugen, auch aus den Reihen der SPD, kommen zu
wesentlich anderen Erkenntnissen als Bodo Ramelow. Kein geringerer
als Willy Brandt bestätigte 1988: Angesichts der Tatsache, daß und
wie von deutschem Boden Krieg ausgegangen ist, sei der Mauerbau für
die Westmächte ein "Datum der Erleichterung gewesen". [Willy Brandt,
Vortrag vor der Friedrich-Ebert-Stiftung 1988.] Als ich vor Gericht
stand, versuchte die Staatsanwaltschaft mit allen Mitteln zu
verhindern, daß Egon Bahr, ein Weggefährte von Willy Brandt, als
kompetenter Zeitzeuge aussagt. Erst nach langwieriger Diskussion
zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht wurde er zugelassen, ohne
daß seine Aussage später im Urteil berücksichtigt wurde. Man
fürchtete seine Sachkenntnis. Er bezeugte dann auch aus eigenem
Wissen: "Es handelte sich um die Grenze zwischen zwei gegeneinander
aufmarschierten Bündnissen, besonders gefährlich, weil sie durch ein
Volk ging und deshalb von den Führungsmächten besonders gesichert
und kontrolliert wurde. Das war im Westen wie im Osten gleichermaßen
zuverlässig, wenngleich den unterschiedlichen Systemen entsprechend
ganz unterschiedlich organisiert." Bahr erinnerte an einen Brief von
W. Brandt an J. F. Kennedy, in dem der damalige Regierende
Bürgermeister von Westberlin die Vorgänge vom 13. August 1961 als
"sowjetischen illegalen Schritt" bezeichnete. Darauf habe Kennedy
definitiv geantwortet, es sei eine Entscheidung, "die nur Krieg
verändern könne". Angesichts solch grundlegender weltpolitischer
Zusammenhänge halte ich eine "einseitige Schuldzuweisung" und die
Reduzierung der "Mauer" auf die Frage "erbaut, um die Leute nicht
raus- und die Probleme nicht reinzulassen" [Gregor Gysi in Superillu]
für unangemessen. Ich halte mich an Friedrich Engels, der bekannte:
"Über geschichtliche Ereignisse beklagt man sich nicht, man bemüht
sich im Gegenteil, ihre Ursachen zu verstehen und damit auch die
Folgen." [Friedrich Engels, Vorwort zu 'Karl Marx vor den Kölner
Geschworenen' , Marx/Engels, Band 21, S. 201.]
Natürlich weiß ich, daß man für Wahrheiten über die DDR, die nicht
ins Konzept der Kinkelschen Delegitimierung passen, aus bestimmten
Richtungen keinen Beifall bekommt. Aus meiner Sicht ist es ja auch
nicht notwendig, daß linke Politiker mit Westherkunft oder solche,
die erst nach 1990 politische Verantwortung übernahmen, über jeden
Stock springen, den Fälscher der DDR-Geschichte ihnen in den Weg
stellen. Sie brauchen ja nicht den schweren Rucksack mitzuschleppen,
den der Kalte Krieg ihnen hinterlassen hat. Wichtiger als das ist
ihr Kampf gegen Kriegspolitik und Sozialabbau heute. Doch
geschichtliche Tatsachen, weltpolitische Zusammenhänge dürfen nicht
negiert oder ins Gegenteil verkehrt werden. Und Zeitzeugen, die
solche Tatsachen und Zusammenhänge aussprechen, sollten nicht als
"Ewiggestrige" attackiert oder mit anderen gehässigen Etiketten
versehen werden.
Aktuelle Ereignisse erinnern mich immer wieder an einen Text von vor
mehr als 50 Jahren: Die sowjetische Regierung nannte die Bildung der
Deutschen Demokratischen Republik einen "Wendepunkt in der
Geschichte Europas". [Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung,
Dietz-Verlag Berlin 1966, Band 7, Seite 335.] Wenn die Völker der
UdSSR und Deutschlands, hieß es "für den Frieden mit der gleichen
Anspannung ihrer Kräfte kämpfen, mit der sie den Krieg geführt haben
... kann der Friede in Europa als gesichert betrachtet werden."
Diese Voraussage hielt 40 Jahre. Solange die UdSSR und die DDR
existierten, wurden in Europa keine Kriege geführt. NVA-Soldaten
haben nie an Kampfeinsätzen gegen andere Völker teilgenommen. War
die Gründung der DDR ein Wendepunkt, so wurde leider auch ihr
Verschwinden von der politischen Landkarte ein Wendepunkt in Europa,
allerdings mit entgegengesetzten Vorzeichen. Kriege wie in
Jugoslawien und deutsche Beteiligungen daran wurden wieder möglich.
Bundesdeutsche Soldaten im Mittleren Osten? Das alles war 1989 noch
undenkbar. Rußlands Präsident Putin nennt den Zusammenbruch der
Sowjetunion die "größte global-politische Katastrophe am Ende des
20. Jahrhunderts". Wer Sinn für Realitäten hat, wird dem
beipflichten können. Spätestens jedoch seit dem Bekenntnis der
Regierenden hierzulande, daß die Bundeswehr vermeintliche "deutsche
Sicherheitsinteressen am Hindukusch verteidigt". Seit 1990/91 gibt
es in Europa keinen staatlichen Gegenpol mehr zu dieser Politik.
Die amtliche Debatte über die DDR verläuft einseitig. Sie leidet
unter dem bekannten und immer mal wieder anschwellenden
Kommunistenhaß. Dazu gehört auch, daß weltpolitische Zusammenhänge
ausgeblendet, DDR-Politik grundsätzlich nur "verwerfliche Zwecke"
unterstellt und Entscheidungen der DDR-Führung mit Häme und
Heuchelei begleitet werden. Zunehmend positive Erinnerungen an die
DDR, die von den offiziellen Vorgaben abweichen, und unter anderem
auch das Resultat von Vergleichen der beiden erlebten
Gesellschaftssysteme durch frühere DDR-Bürger sind, werden spottend
als DDR-Nostalgie denunziert. Notwendig ist eine ehrliche Diskussion
über die Nachkrieggeschichte der beiden deutschen Staaten. Bei einer
solchen Debatte würden auch an die alte Bundesrepublik sehr
kritische Fragen gestellt werden. Solange diese aber als die
Verkörperung alles Guten und Schönen in Deutschland gepriesen und
die DDR verteufelt wird, solange wird es keine wirkliche deutsche
Einheit geben können.
Egon Krenz: "Über
den Umgang mit der DDR-Geschichte - Gedanken zum 7. Oktober",
Aus: "Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der
Linkspartei.PDS", Heft 10/2006,
www.linkspartei.de/kpf, mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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