Einspruch der Linken
Regierung hilft Griechenland
Von Klaus Fischer
Nach der Erkenntnis, daß wir alle Griechen sind (jW zum 1. Mai), stellt sich
die Frage: Haben wir auch eine Stimme im Parlament? Denn noch in dieser Woche
müssen die Volksvertreter beschließen, ob die vermeintlichen Hilfen für das
klamme Mittelmeerland so zustande kommen, wie sie das Kabinett geplant und am
Montag beschlossen hat. Zwar reicht die Mehrheit von Union und FDP dafür aus.
Doch bei heiklen Problemem haben die Regierenden gern auch Teile der
Opposition im Boot.
Abgeordnete aller Parteien neigen bei Fragen der Staatsräson gern dazu, auf
eine Art höhere Gewalt zu verweisen – nur um dann jede Kröte zu schlucken. Und
als höhere Gewalt kommt das ganze Desaster um überbordende Staatsdefizite in
Athen, aber auch in Lissabon, Madrid, Rom oder London, auch daher. Da ist es
gut, daß die Linke Klartext spricht.
»Es hat keinen Sinn, Hilfspaketen zuzustimmen, die die notwendigsten
Voraussetzungen nicht schaffen, damit solche Krisen sich nicht endlos
fortsetzen«, sagte Oskar Lafontaine am Montag. Die Banken müßten an die Kette
gelegt und die »Massenvernichtungswaffen« auf den Finanzmärkten beseitigt
werden: »Anders gibt es überhaupt keine Heilung.« Der Parteichef rechnet
deshalb damit, daß seine Bundestagsfraktion am Freitag den Gesetzesvorschlag
ablehnt.
Geschlossene Ablehnung des »Hilfspaketes«, ein klares Nein zum Krieg – die
Partei setzt damit Zeichen. Noch sind wichtige Vertreter der Linken offenbar
nicht bereit, ganz und gar sozialdemokratisch zu sein. Mag sein, daß man in
Potsdamer Ministerkreisen Lafontaines Linie hierbei nicht goutieren wird.
Banken an die Kette legen– das zählt nicht zu den Kriterien des bürgerlichen
Mainstreams, um »politikfähig zu sein«. Auch ist es »realitätsfern«, eine
Beteiligung der Finanzindustrie zu fordern – doch das ist es nur dann, wenn
diese Realität durch Feiglinge und Bremser konserviert wird.
Für die Partei Lafontaines und Gysis ist es ein Alleinstellungsmerkmal, gegen
Krieg und Bankenschutzprogramme zu sein. Das macht sie auch in
Nordrhein-Westfalen für Menschen wählbar, die bisher zögerten, überhaupt zur
Urne zu gehen. Und es erfordert Mut, sich gegen die Stammtische zu stellen.
Machen wir uns nichts vor – auch wenn wir »alle Griechen sind«, hat der
Boulevard seine Lufthoheit dort nicht verloren.
Es war schon immer eine Kunst der Herrschenden, die kleinen Leute
gegeneinander aufzuhetzen. Dabei ist offensichtlich, wer verantwortlich für
die Finanzmisere ist, ob in Athen oder anderswo. Die Schulden der Staaten sind
letztlich die Gewinne der Superreichen. Griechenlands Oligarchen dürften von
den »Sparmaßnahmen« wenig spüren, Banken nicht bestraft werden, für ihr Zocken
mit Staatspapieren eines Pleitekandidaten. Und »helfen« wird das jetzt
beschlossene Papier ohnehin nicht den Hellenen, auch wenn so getan wird. Es
ist allenfalls eine Art Versicherung der EU-Platzhirsche gegen Schlimmeres.