KPD Landesorganisation Sachsen-Anhalt

Marxismus/Leninismus:

 Inhalt der Seite:

Revisionisten sind immer Kantianer    NEU

Totalitarismustheorie

Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa

Die Alternative muss erkämpft werden

Dialektik der Vernunft

Erklären, nicht verharmlosen

Unter Qualen gestorben

Heuchlerische Moralapostel

Gebrochenes Versprechen

Sackgasse Liberalismus

Über Leistungen und Schwierigkeiten der KP China als Regierungspartei

 1. Lenins 140. Geburtstag

 2. Zum Begriff des Stalinismus


1. Lenins 140. Geburtstag:
Er rührte an den Schlaf der Welt - mit Worten, die Blitze waren
Aus Kominform vom 22.04.2010


LENIN
Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die Blitze waren.
Sie kamen auf Schienen und Flüssen daher
Durch alle Länder gefahren
Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Brot,
Und Lenins Worte wurden Armeen
Gegen die Hungersnot.
Er rührte an den Schlaf der Welt
Mit Worten, die wurden Maschinen,
Wurden Traktoren, wurden Häuser,
Bohrtürme und Minen –
Wurden Elektrizität,
Hämmern in den Betrieben,
Stehen, unauslöschbare Schrift,
In allen Herzen geschrieben.
Text: Johannes R. Becher (1929)
Musik: Hanns Eisler (1953)
Er rührte an den Schlaf der Welt


J.W. Stalin:
Über die Grundlagen des Leninismus

Die Grundlagen des Leninismus sind ein großes Thema. Um es zu erschöpfen, wäre ein ganzes Buch notwendig. Mehr noch, es wäre eine ganze Reihe von Büchern notwendig. Es ist deshalb natürlich, dass meine Vorlesungen keine erschöpfende Darlegung des Leninismus sein können. Sie können im besten Fall nur ein gedrängter Konspekt der Grundlagen des Leninismus sein. Dennoch halte ich es für nützlich, diesen Konspekt darzulegen, um einige grundlegende Ausgangspunkte zu geben, die für ein erfolgreiches Studium des Leninismus nötig sind.
Die Grundlagen des Leninismus darlegen heißt noch nicht die Grundlagen der Weltanschauung Lenins darlegen. Die Weltanschauung Lenins und die Grundlagen des Leninismus sind dem Umfang nach nicht ein und dasselbe. Lenin ist Marxist, und die Grundlage seiner Weltanschauung ist selbstverständlich der Marxismus. Daraus folgt aber durchaus nicht, dass die Darlegung des Leninismus mit der Darlegung der Grundlagen des Marxismus begonnen werden muss. Den Leninismus darlegen bedeutet, das Besondere und Neue in den Werken Lenins darlegen, womit Lenin die allgemeine Schatzkammer des Marxismus bereichert hat und das natürlicherweise mit seinem Namen verknüpft ist. Nur in diesem Sinne werde ich in meinen Vorlesungen über die Grundlagen des Leninismus sprechen.
Was ist also der Leninismus?
Die einen sagen, dass der Leninismus die Anwendung des Marxismus auf die eigenartigen Verhältnisse in Rußland sei. In dieser Definition steckt ein Teil Wahrheit, aber sie erschöpft bei weitem nicht die ganze Wahrheit. Lenin wandte tatsächlich den Marxismus auf die russische Wirklichkeit an und wandte ihn meisterhaft an. Wäre aber der Leninismus weiter nichts als die Anwendung des Marxismus auf die eigenartigen Verhältnisse Rußlands, dann wäre der Leninismus eine rein nationale und ausschließlich nationale, eine rein russische und ausschließlich russische Erscheinung. Indes wissen wir, dass der Leninismus eine internationale, in der ganzen internationalen Entwicklung verwurzelte, und nicht ausschließlich russische Erscheinung ist. Deshalb meine ich, dass diese Definition an Einseitigkeit leidet.
Andere sagen, dass der Leninismus die Wiederbelebung der revolutionären Elemente des Marxismus der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts sei, zum Unterschied vom Marxismus der nachfolgenden Jahre, in denen er angeblich gemäßigt, nichtrevolutionär geworden sei. Wenn man von dieser dummen und banalen Teilung der Lehre von Marx in zwei Teile, in einen revolutionären und einen gemäßigten, absieht, so muss man zugeben, dass sogar in dieser völlig unzulänglichen und unbefriedigenden Definition ein Teil Wahrheit steckt. Dieser Teil Wahrheit besteht darin, dass Lenin tatsächlich den revolutionären Inhalt des Marxismus wiederbelebt hat, den die Opportunisten der II. Internationale hatten in Vergessenheit geraten lassen. Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Die ganze Wahrheit über den Leninismus besteht darin, dass der Leninismus den Marxismus nicht nur wiederbelebt hat, sondern noch einen Schritt vorwärts getan und den Marxismus weiterentwickelt hat unter den neuen Bedingungen des Kapitalismus und des Klassenkampfes des Proletariats.
Was ist also schließlich der Leninismus?
Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im Allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im Besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode (wir meinen vor der proletarischen Revolution), als es noch keinen entwickelten Imperialismus gab, in der Periode der Vorbereitung der Proletarier zur Revolution, in jener Periode, als die proletarische Revolution praktisch noch keine unmittelbare Notwendigkeit war. Lenin dagegen, der Schüler von Marx und Engels, wirkte in der Periode des entwickelten Imperialismus, in der Periode der sich entfaltenden proletarischen Revolution, als die proletarische Revolution bereits in einem Lande gesiegt, die bürgerliche Demokratie zerschlagen und die Ära der proletarischen Demokratie, die Ära der Sowjets, eröffnet hatte.
Deshalb ist der Leninismus die Weiterentwicklung des Marxismus.
Man betont gewöhnlich den überaus kämpferischen und überaus revolutionären Charakter des Leninismus. Das ist völlig richtig. Aber diese Besonderheit des Leninismus erklärt sich aus zwei Gründen: erstens daraus, dass der Leninismus aus dem Schoße der proletarischen Revolution hervorging, deren Stempel er notwendigerweise tragen muss; zweitens daraus, dass er heranwuchs und erstarkte im Ringen mit dem Opportunismus der II. Internationale, dessen Bekämpfung die notwendige Vorbedingung für den erfolgreichen Kampf gegen den Kapitalismus war und ist. Man darf nicht vergessen, dass zwischen Marx und Engels einerseits und Lenin anderseits ein ganzer Zeitabschnitt der ungeteilten Herrschaft des Opportunismus der II. Internationale liegt, dessen rücksichtslose Bekämpfung eine der wichtigsten Aufgaben des Leninismus sein musste.


Leninismus - die zweite Phase des wissenschaftlichen Sozialismus
Quelle: Kominform vom 22.April 2010
Hans Heinz Holz zum Geburtstag von Lenin
Die Grundlegung des wissenschaftlichen Sozialismus erfolgte in zwei Schritten. Marx und Engels entwickelten die Theorie der gesetzlich wirksamen Triebkräfte der Geschichte - die Dialektik von Produktivkräften, Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen und deren politischen Ausdruck in Klassengegensätzen und Klassenkämpfen. Sie entwarfen das Programm einer universellen materialistischen Dialektik. Sie zogen schließlich die politische Konsequenz aus diesen Erkenntnissen, indem sie die Perspektive der klassenlosen Gesellschaft als Inhalt des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse bestimmten.
Der Beginn der allgemeinen Krise des Kapitalismus, der mit der Herausbildung imperialistischer Großmächte und deren Konkurrenz zusammenfällt und zum Ersten Weltkrieg führte, bezeichnet den Übergang zur zweiten Phase in der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus. Sie hat ihre maßgebliche Formulierung in den theoretischen Arbeiten und den politischen Strategiepapieren Lenins gefunden. Charakteristisch ist für sie, dass allgemeine theoretische Einsichten als direkte Projektionen der politischen Praxis auf die Lehren von Marx und Engels und der Lehren von Marx und Engels auf die politische Praxis gewonnen werden. Die bei Marx und Engels über die komplexe Kritik der politischen Ökonomie vermittelte Einheit von Theorie und Praxis artikuliert sich nun als theoriegeleitete Praxis direkt in der politischen Tätigkeit.
Diesen Übergang hat Lenin vollzogen (und von ihm ausgehend auch Antonio Gramsci, sodass Togliatti mit Recht vom "Leninismus Gramscis" sprechen konnte). Und mit Recht spricht man eben deshalb auch vom Leninismus als einem entwicklungsgeschichtlich eigenständigen Bestandteil wissenschaftlichen Sozialismus. Mit dem Kampf der Bolschewiki um die politische Macht wurde die von Marx und Engels programmierte "Aufhebung der Philosophie" (das heißt der allgemeinen Theorie) durch "Verwirklichung der Philosophie" zum historischen Prozess, der sich in der Oktoberrevolution zum ersten Mal erfolgreich manifestierte.
Das Versagen der Sozialdemokratie
Genau an diesem entscheidenden Punkt der Machtfrage hatte die politische Organisation der Arbeiterklasse, die Sozialdemokratie, versagt. "Der heutige Opportunismus, verkörpert in der Person seines Hauptvertreters, des früheren Marxisten K. Kautsky, (...) beschränkt das Gebiet der Anerkennung des Klassenkampfs auf das Gebiet bürgerlicher Verhältnisse." (LW 25, 425)
Es bleibt bei der Verfassungsform der bürgerlichen Demokratie, und das bedeutet: Es bleibt bei der Herrschaft der Bourgeoisie. Die Sozialdemokraten weichen vor der Frage des Machtwechsels zurück und werden damit zum Vollzugsgehilfen des imperialistischen Politik. Von der Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 bis zur Zerschlagung Jugoslawiens und zum Truppeneinsatz in Afghanistan heute reicht diese Kette sozialdemokratischer Anpassungen an die Ziele der Kapitalisten. Das Verhältnis zur Staatsmacht und zur Staatsform wird darum von Lenin als Bewährungsprobe sozialistischer Theorie-Praxis-Einheit herausgestellt:
„Die Formen bürgerlicher Staaten sind außerordentlich mannigfaltig, ihr Wesen aber ist ein und dasselbe: Alle diese Staaten sind so oder so, aber in letzter Konsequenz unbedingt eine Diktatur der Bourgeoisie. Der Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine ungeheure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen hervorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das eine sein: die Diktatur des Proletariats." (LW 25, 425)
In "Staat und Revolution", geschrieben in den Wochen vor dem Roten Oktober, hat Lenin nicht nur die wesentlichen Merkmale des revolutionären Übergangs zum Sozialismus benannt, sondern auch die Rahmenbedingungen skizziert für die ersten Schritte zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. "Staat und Revolution" ist ein Schlüsseltext zum Verständnis, wie sozialistische Theorie praktisch wird.
In Übereinstimmung mit Marx und Engels hat Lenin keinen Zweifel daran gelassen, dass die Staatsform, die zur kommunistischen Gesellschaft hinführt, die Diktatur des Proletariats ist - eben als die Demokratie des Sozialismus im Aufbau, die das Absterben des Staates herbeiführen soll. Jeder Staat ist nach dieser Auffassung die Herrschaftsordnung einer Klasse. Die bürgerliche Demokratie ist die Diktatur der Bourgeoisie, die sozialistische Demokratie ist die Diktatur des Proletariats. Mit Diktaturen à la Hitler, Franco und Pinochet hat dieser Begriff nichts gemein. Wer dies vermischt, treibt intellektuelles Falschspiel.
Genau das hat Lenin den Sozialdemokraten und insbesondere Kautsky vorgeworfen, ihre Anpassung an die kapitalistische bürgerliche Gesellschaft durch Verdrehung des marxistischen Vokabulars zu verschleiern. Wir kennen diese Methode! Alle die großen Worte, die aus der Französischen Revolution in den Sprache des Marxismus übergegangen sind, werden auf den Kopf gestellt. Freiheit, Selbstbestimmung, Menschenrecht werden ins Feld geführt, wenn Klassenherrschaft, Ausbeutung und Profit gemeint sind. Wer die Begriffe manipuliert, okkupiert die Gedanken der Menschen.
Klarheit der Theorie
Lenin hat sein ganzes Leben lang für die Klarheit und Reinhaltung der Theorie gekämpft. Von "Was tun" (1901) über "Materialismus und Empiriokritizismus" (1908) bis zu "Staat und Revolution" (1917) führt er immer wieder die Auseinandersetzung um die politische Linie und die organisatorischen Aufgaben mit Hilfe der Präzisierung der Begriffe, deren sich Kommunisten als Leitfaden ihres Handelns bedienen. Differenzen in Einzelfragen lassen sich in der Praxis auflösen. Um die Grundsätze muss gestritten werden.
Lenin geht darauf im Vorwort zu „Was tun“ ein: „Es wurde klar, dass die Lösung der Fragen in weitaus höherem Maße aus dem grundlegenden Gegensatz zwischen den beiden Richtungen in der russischen Sozialdemokratie zu erklären sind als aus Meinungsverschiedenheiten in Einzelfragen. (...) So verwandelte sich die Darlegung der Auffassungen vom Charakter und Inhalt der politischen Agitation in eine Erläuterung des Unterschieds zwischen trade-unionistischer und sozialdemokratischer Politik und die Darlegung von den organisatorischen Aufgaben in eine Erläuterung des Unterschieds zwischen der die Ökonomisten befriedigenden Handwerkelei und der, unseres Erachtens, notwendigen Organisation der Revolutionäre." (LW 5, 358 f.)
Das unmittelbare Herauswachsen der theoretischen Wegweiser für die praktische Orientierung aus dem politischen Handeln zu fällenden Entscheidungen wird hier ganz deutlich erkennbar. Theorie wird nicht von außen an die Praxis herangetragen und als "Politikberatung" sozusagen aus dem Kopf entwickelt, sondern geht aus der politischen Praxis hervor, wenn der einzelne Fall im Horizont des Allgemeinen gesehen wird. Wolfgang Abendroth, der Vater der "Politologie" in Westdeutschland, hat darum gut leninistisch sein Fach nicht "Wissenschaft von der Politik", sondern "politische Wissenschaft" genannt.
Ungenauigkeit der Begriffe und Verschwommenheit der Konzepte sind Schwachstellen, an denen die politische Kampffront der Kommunisten aufgebrochen werden kann. Marx und Engels haben deshalb ihre Programm-Kritiken (Kritik des Gothaer Programms, Kritik des Erfurter Programms) geschrieben, Engels hat den "Anti-Dühring" dieser Aufgabe gewidmet.
In der Vorbereitung auf die revolutionäre Situation spitzte sich das Problem für Lenin zu. In vielen Marxisten vollzieht sich ja die Wendung zum Opportunismus nicht einfach aus Feigheit oder Korruption. So fragt Lenin, wie Kautsky, der "durch seine Polemik gegen die Opportunisten, an ihrer Spitze Bernstein" bekannt geworden war, "zu einer unglaublich schmachvollen Verwirrung und zur Verteidigung des Sozialchauvinismus in der Zeit der schwersten Krise 1914/15" kam (LW 25, 491 f.). Und er führt diesen Absturz darauf zurück, dass es auch schon vorher bei Kautsky Schwankungen und begriffliche Unklarheiten gab, Bruchstellen, an denen die bürgerliche Ideologie in sein Denken einsickern konnte. Lenins Polemik gegen Kautsky ist nicht nur moralische Verurteilung eines Verräters, sondern auch der Versuch, die Ursache des Verrats nicht in persönlichen Unzulänglichkeiten zu sehen, sondern aus gedanklichen Mängeln zu begreifen. Charaktereigenschaften sind nicht diskutierbar, Denkfehler aber wohl.
So kommt Lenin zu dem Schluss: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, wo die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart.“ (LW 5, 379)
Klassenkampf
Der Kern der revolutionären Theorie ist die Lehre vom Klassenkampf. Im "Manifest" war der Klassengegensatz im Kapitalismus durch das Eigentum an den Produktionsmitteln definiert worden; Lohnarbeit und Kapital sind die beiden klassenbestimmenden Elemente des Produktionsverhältnisses. Zwischen ihnen gibt es logisch kein Drittes. Die kleinen Privateigentümer geraten mehr und mehr in die Abhängigkeit von den großen Kapitaleignern und bilden keine eigene Strukturebene mehr im Produktionsverhältnis. „Der Kleinbürger befindet sich in einer solchen Lage, seine Lebensbedingungen sind derart, dass er nicht umhin kann, sich selbst zu täuschen, es zieht ihn unwillkürlich und unvermeidlich bald zur Bourgeoisie und bald zum Proletariat. Eine selbständige Linie kann er ökonomisch gesehen nicht haben.“ (LW 25, 200)
Obwohl Lenin dieser Logik Rechnung trägt und folglich im Kleinbürgertum keine eigene politische Kraft, sondern nur eine Manipulationsmasse für die Bourgeoisie sieht, erkennt er aber die Bedeutung dieser Gesellschaftsgruppe für die Machtfrage; er betont, „dass jedes kapitalistische Land drei grundlegende, drei Hauptkräfte aufweist: Bourgeoisie, Kleinbürgertum und Proletariat. Von der ersten und dritten Kraft sprechen alle, alle erkennen sie an. Die zweite - das heißt zahlenmäßig gerade die Mehrheit! - will man weder vom ökonomischen noch vom politischen noch vom militärischen Standpunkt aus nüchtern einschätzen.“ (LW 25, 201)
Diese Bemerkung ist bedeutungsvoll, denn sie verweist auf einen Widerspruch zwischen Wesen und Erscheinung der kapitalistischen Gesellschaft. Dem Wesen nach reduzieren sich im Kapitalismus die Klassen auf zwei; und darum ist die Beseitigung des Kapitalverhältnisses zugleich das Ende der Klassenspaltung. Stürzt die Arbeiterklasse die Herrschaft der Kapitalisten, so ist die Menschheit von der Klassenherrschaft befreit. Das ist die "historische Mission der Arbeiterklasse", nicht aus philanthropischem Idealismus, sondern als Konsequenz der zweigliedrigen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft.
Im Erscheinungsbild aber gibt es zwischen Kapitalisten und Arbeitern ein breites Feld verschiedener Funktionen im gesellschaftlichen Produktionsprozess. Und dieses Erscheinungsbild ist keine Illusion, sondern eine Realität, wenn auch nur dem Schein nach eine selbstständige. Die Angehörigen dieser Zwischenschicht machen die Erfahrung ihrer Lebensbedingungen und Interessen, aber sie begreifen sie nicht als hervorgebracht und abhängig vom Kapitalverhältnis. Ihre Vernunft müsste sie an die Seite der Arbeiterklasse führen, ihre Traditionen und Vorurteile drängen sie zur Anpassung und Unterwerfung unter die Bourgeoisie.
Mit Rücksicht auf diesen "realen Schein" einer pluralistischen Struktur der Gesellschaft müssen die revolutionären Organisationen im Kampf um die Macht Aktionsformen finden, in die sie die Masse des Zwischenfeldes einbinden können; und beim Aufbau des Sozialismus braucht es Organisationsformen, die die Kleinbürger in diesen Aufbau einbeziehen und einen Bewusstseinswandel bewirken. Klassenkampf wird so nicht nur zum Kampf gegen die herrschende Klasse, sondern auch zum Kampf um die Gewinnung der Schwankenden. In seiner Broschüre von 1917 "über Verfassungsillusionen" (LW 25, 193 ff.) hat Lenin dieses strategische Konzept aufgezeigt.
Die Zustimmung der Mehrheit zu einer fortschrittlich-revolutionären Politik muss immer wieder von neuem errungen werden. Avantgarde zu sein, ist keine institutionelle Eigenschaft, sondern einer ständigen Bewährungsprobe ausgesetzt. Sich einzulassen auf die Motive der vielen, die nicht von der Klarheit des wissenschaftlichen Sozialismus durchdrungen sind, ist unerlässlich; aber es liegt zugleich darin die Gefahr, in pragmatischen Opportunismus abzugleiten, wie Lenin am Beispiel Kautskys zeigte.
Darum bestand Lenin auf der strengen Präzision der Theorie auch da, wo sie praktisch wird. Nur kritisch geschärft ist sie die Waffe, die „zur materiellen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift“. (Marx, MEW 1, 385)
Dieser Beitrag aus DKP-Zeitung UZ erschien anlässlich des 135. Geburtstages Lenins [1]

2. Dr. Ehrenfried Pößneck 

Zum Begriff "Stalinismus" - ein Diskussionsbeitrag

Am 21. Dezember 2009 jährt sich der Geburtstag J. W. Stalins zum 130. Mal. Der Streit um seine historische Bedeutung und die Einschätzung der Periode, in der er als Generalsekretär an der Spitze der KPdSU stand, dauert an. Walter Ruge äußert in einer Rezension zur Schrift „Stalin, Stalinismus, Stalinismen“ seine Zufriedenheit darüber, dass deren Autor - Thomas Marxhausen - den Ausdruck „Stalinismus“ ab und an in Gänsefüßchen setzt, ihn „mehr als Knüppel im Meinungskampf denn als Instrument der Gesellschaftsanalyse“ einordnet. Hinter dieser Genugtuung steht die Unzufriedenheit mit dem Inhalt und der Verwendung des Begriffs, die so mannigfaltig ist, wie das politische Spektrum. Worte, Begriffe, Thesen, Probleme, Ideen, Ziele, Strategien usw. sind im politischen und ideologischen Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie Waffen. Die marxistischen Linken sollten deshalb den Begriff "Stalinismus" prüfen um festzustellen, ob er überhaupt Interessen der Arbeiterklasse und ihrer Bündnispartner zum Ausdruck bringt. Für ein solches Vorgehen sprechen folgende Gründe:
Grund 1: Der "Stalinismus" ist ein Begriff des Antikommunismus.
Bis zum XX. Parteitag der KPdSU (1956) wurde Stalin in der sozialistischen und kommunistischen Bewegung als Klassiker des Marxismus betrachtet. Die Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands studierten Schriften von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Dadurch eigneten sie sich mit der Theorie des Wissenschaftlichen Sozialismus zugleich Erfahrungen der KPdSU an. Stalins Gedanken zum sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion galten als Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus.
Für L. D. Trotzki hingegen bedeutete "Stalinismus" Verrat an der proletarischen Weltrevolution. Deshalb stellte er der Sowjetsektion der IV. Internationale die Aufgabe, in einer politischen Revolution die Macht der Stalinschen „bürokratischen Oligarchie“ zu überwinden. Während N. S. Chruschtschow in seiner Rede „Über den Personenkult und seine Folgen“ auf dem XX. Parteitag der KPdSU den Personenkult um Stalin, Machtmissbrauch und Massenrepressalien beklagte, ist nach K. Goßweiler der „Antistalinismus“ „heute tatsächlich das größte Hindernis für den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war.“ Die Ergebnisse des XX. Parteitages sind demnach eine Neuauflage des Revisionismus.
J. Elleinstein urteilt: „Historisch gesehen ist er eine Erfindung der Bourgeoisie und eine ideologische und politische Waffe in den Händen derselben.“ Der Begriff "Stalinismus" verdankt seine Entstehung dem Antisowjetismus und dem Antikommunismus. Heute gehört er zum Vokabular der kapitalistischen Medien-Imperien, mit dessen Hilfe das Finanzkapital und seine Gefolgschaften in den sozialdemokratischen Parteien jede Bestrebung zur Überwindung des Monopoleigentums verteufeln. Deshalb die Verfälschung der Geschichte und Politik der UdSSR sowie der anderen sozialistischen Staaten. In Deutschland wird in erster Linie gegen den „Stalinismus“ bzw. den „Poststalinismus“ Zetermordio geschrieen, um jede positive Erinnerung an die DDR auszulöschen, die gegründet wurde, nachdem die Krauses die Krupps, Kriegsverbrecher und Naziaktivisten enteignet hatten. Zum Zwecke der Diskreditierung versehen bürgerliche Ideologen sozialistische und kommunistische Ideen mit dem Stigma "Stalinismus": den Marxismus-Leninismus und alle Gedanken an eine marxistisch-leninistische Partei, die proletarische Revolution, die Diktatur des Proletariats, die Konfiskation des Großkapitals, den Sozialismus und den Kommunismus. Ihre dementsprechenden Behauptungen, Urteile und Schuldzuweisungen etc. beruhen nur teilweise auf Tatsachen, größtenteils jedoch auf Unwahrheiten, die sich auch in theoretischen Schöpfungen bürgerlicher Institute manifestieren. Beginnend mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution werden namentlich alle sozialistischen Revolutionen in verfälschender Weise dargestellt.
Der Begriff "Stalinismus" wurde nicht geschaffen, um Erkenntnisse über die Sowjetgesellschaft oder den Sozialismus zu gewinnen und zu vermitteln. Er dient auch heute der Manipulierung und Desorientierung der arbeitenden Klassen.
Grund 2: Nicht jeder Begriff der bürgerlichen Ideologie erfordert ein marxistisches Gegenstück. Das trifft auch auf den "Stalinismus" zu.
Dem bürgerlichen Verständnis von Kapitalismus, Imperialismus, Sozialismus, Kommunismus, Kapital und Profit, Faschismus, Demokratie, Diktatur, usw. usf. sind die jeweiligen marxistischen Inhalte der mit diesen Worten bezeichneten Begriffe entgegengestellt. Sie bilden in ihrem wechselseitigem Zusammenhang mit den Aussagen und anderen rationalen Gebilden das theoretische System des Marxismus-Leninismus.
Bürgerliche Ideologen verfälschen bei der Begriffsbildung Sachverhalte. So entstandene Begriffe wie „Unrechtsstaat“, „totalitäre Diktatur“, „Schießbefehl“, „friedliche Revolution in der DDR“ bedürfen zwar einer Entgegnung, aber nicht unbedingt eines marxistischen Pendants, das sich auf objektiv reale Sachverhalte bezieht. Dafür ein Beispiel:
Wenn die Propaganda des Kapitals pausenlos trommelt, dass die DDR ein „Unrechtsstaat“ war und sich dabei auf falsche Behauptungen stützt, dazu Einrichtungen unterhält, die das der Öffentlichkeit plausibel machen sollen, dann ist das kein Grund, nun ebenfalls einen marxistischen Begriff „Unrechtsstaat DDR“ zu bilden. Der bürgerliche Begriff vom „Unrechtsstaat“ ist in seinem klassenmäßigen Inhalt bestimmt und so zu behandeln, wie das u.a. in den Arbeiten von E. Buchholz, I. Wagner und F. Wolff geschehen ist. Im Detail zeigen diese Schriften die Handhabung des Rechts in der BRD gegenüber der DDR und weisen den „Unrechtsstaat“ zurück. In der Auseinandersetzung mit dem Inhalt solcher Anfeindungen wie „Unrechtsstaat“ und „Honeckers Schießbefehl“ zeigen sie die Unhaltbarkeit dieser Begrifflichkeiten. Im Aufzeigen des Inhalts und der Funktion des bürgerlichen Begriffs, in seiner Widerlegung und Zurückweisung besteht hier die wissenschaftliche Entgegnung.
So wird auch die Totalitarismus-Doktrin widerlegt. Deren Experten setzen den Sozialismus, wofür auch der "Stalinismus" eingesetzt wird, mit dem Faschismus gleich. Obwohl die Forschungsresultate dieser Totalitarismus-Theoretiker keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten, sind sie eine Grundlage der Erziehung und Bildung in der BRD. Sie werden in der Politik der Regierung, in der Erinnerungskultur und in der Geschichtsaufarbeitung besonders sichtbar.
Der Historiker H. Schneider widmete der wissenschaftlichen Arbeit des „Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung“ der Dresdener Universität besondere Aufmerksamkeit. Er stellte dabei fest, dass der dort übliche abstrakte Vergleich zwischen der DDR und dem „Dritten Reich“ für die Gewinnung von Erkenntnissen, d. h. von wahren Behauptungen über die DDR, völlig ungeeignet ist. In dem von ihm erarbeiteten historischen Vergleich bezog er neben der Geschichte der DDR und des faschistischen Deutschland die Geschichte der BRD mit ein. Dabei zeigte sich, dass - entgegen allen anderslautenden Beteuerungen der Totalitarismustheoretiker - auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens Kontinuitätslinien vom „Dritten Reich“ in die deutsche Nachkriegsentwicklung führen, diese aber nicht die Affinität der DDR, sondern die der BRD mit dem faschistischen Deutschland beweisen. So blieb das Monopoleigentum des faschistischen Deutschland in der Bundesrepublik erhalten. Und das Personal des „Dritten Reiches“ füllte die Amtsstuben der Bundesrepublik. Mit ihm zog der Geist des Antikommunismus in die Behörden ein.
Bundespräsident Köhler führte in seiner Festrede zum Gedenken an die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 das Muster eines auf Geschichtsfälschung beruhenden Urteils über die „totalitäre Diktatur“ der DDR vor. Er sprach über die Vorbereitung eines blutigen Massakers unter den Demonstranten. Worte wie: „Panzer“, „Schießbefehl“, „Blutplasma“ und „Leichensäcke“ fehlten dabei nicht. Dafür fehlte seinen Behauptungen das Entscheidende: die historische Wahrheit. Der Bundespräsident verbreitete Unwahrheiten.
H. Schneider reagierte darauf am 20. 11. 2009 mit einem offenen Brief an den Bundespräsidenten. Darin heißt es u.a.: „Das Horrorszenario, das sie dort malten, hatten Sie von Dr. Michael Richter, Mitarbeiter des Hannah Arendt Instituts, entliehen. Der Mann hatte sich schon 1997 als Lügenbaron hervorgetan, als er den Giftmord an Ministerpräsident Dr. Friedrichs erfand, den 1947 Innenminister Fischer mit Wissen des Landtagspräsidenten Otto Buchwitz begangen haben soll. Das Buch erschien, obwohl Richter durch meine Recherche wusste, dass nichts stimmte. Richter wurde damals durch Ministerpräsident Biedenkopf prämiiert.“ Hier zeigt sich das Zusammenspiel des Dresdener Totalitarismus-Instituts mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und deren Einfluss auf die Propaganda des höchsten Repräsentanten des Staates: des Bundespräsidenten.
Solche Fälschungen verfolgen das Ziel, politische Gegner zu entmündigen, einzuschüchtern und auszugrenzen. Ideale sollen zerstört werden. Auf ähnliche Weise wird mit Persönlichkeiten der sozialistischen und kommunistischen Bewegung umgegangen. Dazu dienen herabwürdigende Bezeichnungen, die den Einsatz für den Sozialismus zum Vorwurf machen. Üblich sind Beschimpfungen wie „Ewiggestrige“, „Stalinistin“ oder "Stalinist".
Grund 3: Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte der KPdSU/UdSSR und des Sozialismus ist ohne den Begriff "Stalinismus" möglich.
Mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und der Bildung der Sowjetunion wurden deren Völker zu Pionieren des weltweiten gesellschaftlichen Fortschritts. Dabei hatte die KPdSU Aufgaben zu lösen, die bisher noch nie vor der Menschheitsgeschichte standen. Sie wandte zuerst die von Marx, Engels und Lenin erarbeitete Theorie beim Aufbau des Sozialismus an. Praktische Erfahrungen, wie dieser unter den spezifischen Bedingungen Sowjetrusslands zu bewältigen war, gab es nicht. H. Peters nennt sein Buch über die China vom Mittelalter zum Entwicklung der Volksrepublik Sozialismus im Untertitel „Auf der Suche nach der Furt“. In einer ähnlichen Lage befand sich das Sowjetvolk. Den Sozialismus in einem Lande mit mittlerer kapitalistischer Entwicklung beim Ausbleiben einer erfolgreichen sozialistischen Revolution in den am höchsten entwickelten Staaten aufzubauen und Angriffe imperialistischer Staaten abzuwehren, verlangte außerordentliche Anstrengungen. Die Spezifik Russlands, seiner Völker, die im Vergleich zu anderen Ländern gegebene Rückständigkeit, die sich im Überwiegen der bäuerlichen Bevölkerung, der Schwäche der Großindustrie, damit auch der Arbeiterklasse und des gesamten Kulturniveaus ausdrückte, ließ das Bestimmen des Weges zum Sozialismus zu einem Politikum ersten Ranges werden.
Unter dem Druck der ständigen Invasionsgefahr und der Kriege unterliefen Fehler, Irrtümer und Fehlurteile, denen Fehlentwicklungen folgten. Fehlentscheidungen verursachten vermeidbare menschliche Verluste. Durch falsche Maßnahmen J. W. Stalins wurden selbst Mitglieder des Zentralkomitees und des Politbüros zu Opfern.
Kann aus solchen Erwägungen heraus für die Sowjetgesellschaft oder für den Sozialismus der Ausdruck "Stalinismus" Verwendung finden? G. Lozek verweist darauf, „dass keinesfalls der gesamtgesellschaftliche Ablauf in jenen Parteien, Staaten und Ländern - analog auch in der Sowjetunion - mit den Vokabeln Stalinismus bzw. stalinistisch subsummiert und erfasst werden könnte. Welche Tendenzen, Erscheinungen und Sachverhalte so zu werten sind, bedarf der ebenso gründlichen wie differenzierenden historischen Analyse.“ Er hält die Gleichsetzung von Sozialismus und "Stalinismus" für falsch. U. - J. Heuer grenzt - wie viele andere auch - den „Stalinismus“ zeitlich-inhaltlich ein. Im Hinblick auf die letzten Jahrzehnte der DDR lehnt er es ab, von „Stalinismus“ zu sprechen.
Und J. Elleinstein schlägt vor, um Missverständnisse zu vermeiden, nicht über den "Stalinismus", sondern über das Stalinsche Phänomen zu diskutieren. Dabei betont er, dass dieses unter ganz konkreten spezifischen Bedingungen in einer bestimmten historischen Situation entstand und weder unvermeidbar, noch allgemeingültig war. Elleinstein zieht - trotz seiner Einwände gegen dabei angewandten Zwang - anhand von Tatsachen eine positive Bilanz des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion.
Walter Ruge geht einen Schritt weiter, indem er den Ausdruck "Stalinismus" grundsätzlich verwirft. Ihm liegt es fern, „die Entartungen der 30-jährigen Herrschaft des Josif Wissarionowitsch Dschugaschwili zu bagatellisieren, dennoch ist die nachträgliche Krönung dieser Periode mit einem besonderen -ismus völlig abwegig.“ Auch R. Berthold lehnt den Begriff "Stalinismus" ab: „Marxisten verfangen sich nicht in dem antikommunistischen Kampfbegriff Stalinismus, sie folgen den Lehren von Marx, Engels und Lenin, den Erfahrungen der internationalen kommunistischen Bewegung auf dem Weg in eine sozialistische Zukunft.“
Daraus ergibt sich die Frage, ob die beim Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion gesammelten Erfahrungen als eine Weiterentwicklung der Wissenschaft vom Sozialismus/Kommunismus unter dem Namen des damaligen Generalsekrets zusammengefasst werden können. Hieraus wiederum entsteht die Verpflichtung zu ermitteln, welchen Anteil J. W. Stalin an der Theorieentwicklung, bzw. auf dem Gebiet der Anwendung der Theorie auf die speziellen Verhältnisse Russlands tatsächlich hatte. Noch bevor dieses Forschungsvorhaben verwirklicht worden ist, kann gesagt werden, dass wir uns heute erneut mit den Erfahrungen des Sowjetvolkes und der KPdSU beschäftigen müssen. Dass wir dabei auch die Stalinschen Werke auswerten, ist selbstverständlich.
Die Entwicklung der UdSSR war weder die Tat J. W. Stalins, noch Ergebnis ungesetzlicher Gewaltanwendung. Die sozialistische Gesellschaft in der Sowjetunion entstand als das Werk der Völker der Sowjetunion unter Führung der Kommunistischen Partei.
Sie erwarben sich Verdienste um die Entwicklung der menschlichen Zivilisation, indem sie die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus in der Menschheitsgeschichte eröffneten, im II. Weltkrieg Höchstleistungen bei der Befreiung der Völker von der Geißel des Faschismus erbrachten und danach im Interesse des Weltfriedens das Kernwaffenmonopol der USA brachen. Gleichzeitig erwies das Sowjetland den demokratischen und sozialistischen Bewegungen der Arbeiter und anderer unterdrückten Klassen vieler Länder internationale Solidarität.
In Anlehnung an Karl Marx kann man sagen:
„Womit wir es hier zu tun haben ist eine kommunistische Gesellschaft... wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.“ Jene Schlussfolgerung trifft sinngemäß auf die sowjetische Gesellschaft, also auch auf die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die KPdSU und ihre Führung zu. Dem Vorhaben, diese Übergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus nach J. W. Stalin zu bezeichnen, fehlt die Begründung. In der Sowjetunion wurde weder der "Stalinismus" aufgebaut, noch ist der Name einer Person geeignet, eine Gesellschaftsformation zu erfassen. Die Geschichte des Bolschewismus, der Sowjetgesellschaft, der UdSSR und des Sozialismus ist nicht die des "Stalinismus", weil sie von den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen mit ihren Taten geschrieben wurde. Sie zu studieren und aus den Erfolgen, Fehlern, Stärken und Schwächen der sozialistischen und kommunistischen Bewegung zu lernen, wird für lange Zeit eines unserer erstrangigen Anliegen bleiben. Eine marxistische Erklärung des bürgerlichen Begriffs "Stalinismus" wird dabei eine Hilfe sein.